Jeder Lebenslauf, könnte man sagen, wird durch zwei große Liebesgeschichten bestimmt. Die erste - die Geschichte unserer Suche nach geschlechtlicher Partnerschaft - ist allbekannt und bestens dokumentiert, ihre Irrungen und Wirrungen liefern den Urstoff von Musik und Literatur, sie wird gesellschaftlich gefördert und gefeiert. Die zweite - die Geschichte unseres Werbens um die Liebe der Welt - nimmt einen heimlicheren und beschämenderen Verlauf. Wenn sie überhaupt thematisiert wird, dann in sarkastischen, spöttischen Tönen, als etwas, das vor allem für Neidische und zu kurz Gekommene von Interesse sein könnte, oder aber der Hunger nach Status wird auf seinen wirtschaftlichen Aspekt reduziert. Und doch ist diese zweite Liebesgeschichte nicht weniger brisant als die erste, nicht weniger kompliziert, einschneidend, universell, und ihre Rückschläge sind nicht weniger schmerzhaft. Auch hier gibt es gebrochene Herzen, erkennbar am stumpfen resignierten Blick derer, die die Welt zu Niemanden stempelt.

Alain de Botton - StatusAngst (S. 18)


Ich bin nicht so ganz mit dieser Passage einverstanden und doch übt sie einen so starken Reiz auf mich aus, dass ich schon zwei Mal verleitet worden bin, damit zu kokettieren und jämmerlich beim Versuch die Idee de Bottons nachzuzeichnen zu scheitern. Deswegen hier eine Fingerübung1, damit es mir das nächste Mal vielleicht besser gelingt. Vielleicht wäre es doch besser, wenn es kein nächstes Mal gäbe, ich das Buch zur Seite legen und statt de Botton Bourdain lesen würde, um demnächst mit Rezepten aufwarten zu können.



1

19.11.06 22:18

Werbung


bisher 8 Kommentar(e)     TrackBack-URL


saxana / Website (20.11.06 13:02)
Gebranntes Kind scheut aber das Feuer.


geekfactor / Website (20.11.06 15:45)
Ich glaube, ein Teil lernen funktioniert so und der andere so. Versteh auch garnicht wie der Kommentar gemeint ist. Soll das ein Einspruch sein?

/geek


KARLA (20.11.06 17:44)
Die erste Liebe im Lebenslauf ist die unserer Eltern, wie kurz oder lang Sie auc sein mag.


Fountain / Website (20.11.06 21:54)
Besagt doch eigentlich nichts anderes als das wir lieben und geliebt werden wollen. Herr Oberst sagt es so:
"But where was it when I first heard that sweet sound of humility? It came to my ears in the goddamn loveliest melody. How grateful I was then to be part of the mystery, to love and to be loved. Let's just hope that is enough." Bright Eyes - Lets not shit ourselves

Der gesamte Text ist hier zu finden:
http://www.lyricsondemand.com/b/brighteyeslyrics/letsnotshitourselvestoloveandbelovedlyrics.html


geekfactor / Website (21.11.06 00:04)
@karla: Ein Psychoanalytiker würde sagen, das die Liebe zu den Eltern doch Liebe Typ eins sei
Wie gesagt, mir gefällt dein Einwand. Vielleicht ist es aber für das wo de Botton hinmöchte zu vernachlässigen. Er will in dem Buch über "Status" und die Ängste, die damit verbunden sein können, schreiben. In dem Zitat beschreibt er Status als eine Sehnsucht geliebt zu werden, die einerseits anders funktioniert als Liebe des Typs 1 und andererseits nach de Botton nicht in Literatur und Liedern zu finden ist und nie als das selbe positiv besetzte Gefühl behandelt wird, sondern nur sarkastisch beziehungsweise spöttisch aufgegriffen wird. Ich glaube, dass ist widerlegbar, aber im Moment weiss ich es nicht besser. Und dieser Punkt macht den Reiz des Gedanken für mich aus, weil mir das spöttische, sarkastische Abtun dieses Empfindens bekannt scheint. Vielleicht ist es wie auf dem Schulhof ("Was sich neckt, ..."). Vielleicht sind die Menschen, die am lautesten rufen, dass ihnen die Welt gestohlen bleiben kann am bedürftigsten.

@Fountain: Connor Oberst arbeit ganz eindeutig auf dem Gebiet Liebe Typ 1. Insofern hat de Botton einen Blick auf etwas drauf, in dem C.O. drin steckt. Je nach Gemütslage brauche ich mal das eine mal das andere.


fountain / Website (21.11.06 15:24)
"[...]die Geschichte unseres Werbens um die Liebe der Welt[...]" Ich habe den zweiten Typus der Liebe insofern verstanden, als das wir um die Liebe der Welt werben, also das Verlangen haben von der Welt geliebt zu werden. Was man natürlich nicht auf die gesamte Welt bezieht, sondern als einzelner auch logischerweise auf einzelne. Kurz gesagt: Der Wunsch geliebt zu werden.

Ist "StatusAngst" ein gutes de Botton Einstigesbuch?


geekfactor / Website (21.11.06 20:25)
Meinst als Einstieg in de Bottons Philosophie? Das kann ich nicht sagen, weil er mir zu wenig bekannt ist. Ich habe erst kürzlich durch einen dünnen Essayband entdeckt, und das hat mich dazu gebracht, mehr von ihm lesen zu wollen.
StatusAngst habe ich bis jetzt noch nicht mal bis zur Hälfte gelesen, aber das liegt weniger an dem Buch als an äußeren Bedingungen. Soweit wie ich gekommen bin, finde ich es sehr kurzweilig und es gibt auch interessante Abbildungen und Fotographien darin. Insofern kann ich es dir nur empfehlen.
Für ein paar weitere Informationen im Web ist die Seite auf single-generation.de ganz nützlich. Würde mich ja mal interessieren, ob du jetzt anfängst das Buch zu lesen und was du darüber denkst.

/geek


Fountain / Website (22.11.06 17:23)
Ja, ich werde ihn lesen und dir bescheid geben wenn ich durch bin. Bin mal gespannt, danke für die Anregung jedenfalls.

Werbung